Die vergessene Wahrheit

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Photo by worradmu

Der Film war zu Ende. Es war Nacht, die Häuser von Dunkelheit umhüllt, die Straße wie ausgestorben. Kurz entschlossen flüchtete sie in die Spätvorstellung, weil sie die erdrückende Stille in ihrer Wohnung nicht mehr aushielt. Bloß keine Musik – jeder Song, jeder Takt der Musik hämmerte in ihrem Kopf und rief Erinnerungen in ihr wach. Erinnerungen an eine Zeit, in der sie glücklich war. Eine Zeit, die ein jähes Ende fand, als Jan Schluss mit ihr gemacht hatte. Er wollte seine Freiheit wieder zurückhaben, er wäre noch nicht reif genug für eine ernsthafte Beziehung, die ihm Fesseln der Verantwortung angelegt hätte. Er wollte noch etwas erleben, die Abenteuer des Lebens auskosten. Das waren seine Worte. Worte, die Maggie in die Verzweiflung stürzten. 

Alles begann so romantisch, damals konnte sie ihr Glück gar nicht fassen. Doch das Glück, das sie täglich mit Jan hautnah erlebte, jagte ihr auch Angst ein. Was ist, wenn es aufhört – wenn es doch einmal zu Ende ist? Ihre Gedanken, als wären sie ihre Feinde, versuchten immer wieder sich zwischen ihre Glücksgefühle zu drängen. Je glücklicher sie war, umso größer wurde ihre Angst. Es war nur eine Frage der Zeit, bis das Allerschlimmste eintrat. Jan ging.

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Photo by worradmu

Maggiee war am Boden zerstört, sie wollte es nicht wahrhaben. Das Alleinsein erstickte sie. Sie wünschte sich alles vergessen zu können, alle Erinnerungen, Ereignisse, die sie mit Jan erlebte. Eine Gehirnwäsche oder so ähnlich. Damit sie nicht mehr an ihn denken musste. Damit es nicht mehr wehtat.

Sie ging an einem Taxistand vorbei – ein einziges Taxi stand noch da, als hätte auf sie gewartet. Außer ihr war niemand auf der Straße – eine unheimliche Stimmung. Doch sie musste irgendwie nach Hause kommen, sie konnte nicht die ganze Nacht da draußen bleiben. Unschlüssig blieb sie stehen und blickte auf ihre Armbanduhr. Es war zu spät, um alleine noch einen nächtlichen Spaziergang zu machen. Plötzlich ging die Wagentür auf – als hätte eine unsichtbare Hand sie geöffnet. Die Tür, hinter dem Fahrer. Als wollte sie Maggie heranlocken, um in das Taxi einzusteigen.

Maggie stieg ein – im Inneren des Wagens war es stockfinster, sie konnte nicht mal sehen, ob jemand auf dem Fahrersitz saß. Plötzlich stieg Panik in ihr hoch – doch es war zu spät. Die Tür war zu. Der Wagen startete und fuhr los. Sie wurde nicht gefragt, wo sie hinfahren möchte. Als hätte das Taxi gewusst, wo sie wohnt. Die Fensterscheiben waren mit einer dunklen Folie überzogen, die Straßenbeleuchtung war zu schwach, um das Innere des Wagens etwas zu erhellen. Am Rückspiegel hing eine Kette mit einem Kreuz, das während der Fahrt hin und her baumelte. Die Angst drückte ihr die Kehle zu, sie war unfähig auch nur ein Wort zu sagen. Sie riskierte einen Blick auf die Straße und erschrak umso mehr, als sie sah, dass das Taxi gerade in einer verlassenen Gegend unterwegs war, in der sie rein gar nichts wieder erkannte. Die Straßen und die Häuser, an denen sie vorbeifuhren, waren ihr fremd.

Plötzlich tauchte Jan in ihrem Gedächtnis wieder auf. Der schon wieder …! Er soll sie doch endlich in Ruhe lassen, am liebsten hätte sie alle ihre Gedanken an Jan ausgelöscht. Als hätte sie ihn nie kennengelernt. Als sie wieder nach vorne blickte, sah sie drei Wörter am Display der Taxiuhr kurz aufleuchten:

„Taxi des Vergessens“

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Photo by Dynamite Imagery

He …? Was war das denn …? Hat sie jetzt auch schon Halluzinationen …? Sie starrte auf die Uhr, doch es war nur eine Zahl zu sehen. Der Preis für die bisher zurückgelegte Fahrtstrecke, wie es in einem Taxi üblich ist. Nein – sie musste aussteigen, sonst … aber wo sollte sie auch hingehen in dieser Gegend, wo sie sich überhaupt nicht auskannte? Die drei Wörter sprangen ihr wieder ins Auge  – ein kurzes Aufleuchten auf dem Display, dann war erneut nur eine Zahl zu sehen. Das gibt´s doch wohl nicht … was soll das? Und überhaupt – was war das für ein komisches Taxi, das es wie von selbst zu fahren schien, mit dem herumbaumelnden Kreuz um den Rückspiegel gewickelt …?

Abrupt hielt der Wagen an, als hätte er ihre Gedanken lesen können – sie wollte doch aussteigen. Die Tür ging von selbst auf. Maggie konnte sich nicht rühren, sie war wie gelähmt vor Angst. Noch einmal blitzten die unheimlichen drei Wörter – „Taxi des Vergessens“ –  kurz vor ihren Augen auf und plötzlich stand sie auf der Straße. Sie wusste nicht mal, wie sie aus dem Wagen herauskam – das muss der Schock sein, denn sie konnte sich nicht mehr daran erinnern. Sie sah sich auf der Straße um – hinter ihrem Rücken das Kino, in dem sie vorhin war – das wusste sie noch, mit ziemlicher Sicherheit. Doch was sie nicht mehr wusste, und nicht verstand war, was sie dazu veranlasste, so spät abends noch ins Kino zu gehen …? Es war ein Rätsel, es war ganz untypisch für sie, ganz alleine, so spät noch außer Haus zu gehen. Der Film gefiel ihr, eine lustige Geschichte.

Die Straße war dunkel und leer, doch Maggie fühlte sich wohl. Sie spürte ein Gefühl der Leichtigkeit, als wäre sie von etwas befreit. Sie ging los – zum Glück wohnte sie nicht all zu weit vom Kino entfernt. Ein Auto hielt am Straßenrand, es tauchte plötzlich auf, wie aus dem Nichts. Das Fenster an der Beifahrerseite fuhr hinunter. Maggie drehte sich um, als sie hörte, dass jemand ihren Namen rief. Sie sah einen schwarzen Wagen, in dem ein Mann saß und ihr nachrief.

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Photo by M – Pics

„Maggie, Maggie – hallo … Maggie, warte doch mal! Bleib doch stehen, Maggie … ich bin´s … jetzt warte mal!“

Sie blieb stehen. Was wollte dieser Typ von ihr?

„Maggie … soll ich dich mitnehmen – willst du nicht einsteigen? Na komm … steig doch ein … ich muss mit dir reden. Ich habe dich auch schon zu Hause gesucht, aber es war niemand da. Dass du noch so spät alleine unterwegs bist … seit wann hast du denn diese Angewohnheit?“

Doch Maggie wendete sich von ihm ab und ging alleine weiter. Wieso sollte sie in ein Auto einsteigen, in dem ein Mann saß, den sie überhaupt nicht kannte …? Sie hatte keine Ahnung, woher der Mann ihren Namen kannte – doch es war ihr egal. Sie wusste nicht, wer dieser Mann war und sie konnte sich bei bestem Willen nicht erinnern, ihn jemals gekannt zu haben.

Die Wahrheit ist das, was jeder glaubt.

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© Sunelly Sims

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