Der Fremde in uns

Menschen, die uns verbiegen wollen. Wir sollten nicht so, sondern anders sein. Manche unserer Eigenschaften, die nicht zu ihnen passen, die nicht mit ihnen harmonieren, ändern oder weglassen. Wir sollten dies in unserem eigenen Interesse tun – wird uns gesagt. Oder wenn wir eine andere Auffassung von bestimmten Dingen haben, wenn wir anders über etwas denken, als Menschen, die wir kennen oder die uns nahestehen. Dann stoßen wir ihnen möglicherweise vor den Kopf.

Oft ist es in zwischenmenschlichen Beziehungen mitunter schwierig, mit unterschiedlichen Persönlichkeiten klarzukommen. Diese zu akzeptieren. Weil manche Menschen eben anders sind. Und Menschen spüren ziemlich schnell, wenn jemand unter ihnen ist, der eben anders ist, als sie selbst. Doch warum sollten alle gleich sein? Das Anderssein oder eine gewisse „Verrücktheit“ kann auch anziehend, faszinierend sein. Zur Akzeptanz solcher Eigenschaften bedarf es nur ein wenig Toleranz. Leben und leben lassen – nicht verbiegen wollen. Jeden sein lassen, wie er eben ist.

Auch wenn man mit bestimmten Wesenszügen von anderen Menschen nicht harmoniert oder diese auf einer subjektiven Betrachtungsebene für weniger gut findet. Jeder ist so, wie er ist, man sollte niemanden zwingen, ein anderer Mensch zu sein. Das wahre Wesen, das in jedem von uns schlummert, kann man sowieso nicht langfristig unterdrücken. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man erkennt, dass man so gar nicht ist. Man will sein eigenes Selbst leben und nicht ein Fremdes, das nicht zu ihm passt. Auch wenn es den anderen besser gefallen würde.

Wenn man zulässt, dass man von jemandem zu sehr verbogen wird, dann ist das Ende vom Anfang bereits vorprogrammiert. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann das wahre Selbst aus uns herausbricht und das Falsche, das Verbogene von der Oberfläche fegt. Dann fällt das Kartenhaus zusammen, in dem wir saßen. Dann erkennen wir auch, dass dies in Wahrheit unser Gefängnis war. Ein Gefängnis, das uns dazu zwang, anders zu sein, als wir in Wahrheit sind. Um den Erwartungen Anderer zu entsprechen. Um nicht aus der Reihe zu tanzen – damit wir eben ganz „normal“ sind. Ein Gefängnis, das unser wahres Selbst in Schach hielt, uns möglicherweise dafür gewisse Sicherheiten gab. Ein Gefängnis, in dem nicht unser wahres Selbst, sondern ein Fremder, der unseren Namen trug, eingesperrt war.

Wir müssen nicht immer so sein, wie alle anderen sind – eher sollten die anderen, die nicht so sind wie wir, lernen, das Anderssein von vielen Mitmenschen besser akzeptieren und tolerieren zu können. Wir sollten versuchen, die Menschen, die wir kennen und die wir mögen, so sein zu lassen, wie sie sind. Das Leben kann auch schön sein, wenn wir versuchen, dieses teilweise zwanghaftes Verbiegenwollen anderen Menschen gegenüber auf ein Minimum zu reduzieren.

Man kann nicht für jedermann leben, besonders für die nicht, mit denen man nicht leben möchte.

(Johann Wolfgang von Goethe)

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Liebe Grüße,

© Sunelly Sims

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3 thoughts on “Der Fremde in uns

  1. Wie schön unser lieber Herr Goethe wieder einmal etwas so komplexes und elemantares so kurz und einfach auf den Punkt bringt.

    Man versucht wirklich oft, etwas zu tun – etwas zu sein, dass man nicht tun will – nicht sein möchte, nur um damit anderen zu gefallen oder zumindest nicht aus der Reihe zu tanzen; um alles richtig zu machen. Ich denke, in so ganz kleinen, teils unbedeutenden Momenten des Alltags hat diese Erfahrung schon jeder gemacht. Es häuft sich wahrscheinlich nur ziemlich schnell.
    Aber warum sollte etwas denn richtig sein, nur weil alle es als richtig ansehen, es vielleicht selbst so machen?
    Falsch ist es auf jeden Fall, zu versuchen, etwas zu sein, das man nicht ist. Vor allem dann, wenn man es auch nicht kann:

    „Es ist nur eine Frage der Zeit, wann das wahre Selbst aus uns herausbricht und das Falsche, das Verbogene von der Oberfläche fegt. Dann fällt das Kartenhaus zusammen, in dem wir saßen. Dann erkennen wir auch, dass dies in Wahrheit unser Gefängnis war. Ein Gefängnis, […]“

    Sehr treffend. Hat mich zum Nachdenken gebracht.
    Liebe Grüße
    rausundlos

    • Vielen Dank für den Kommentar – es freut mich immer, wenn die Themen, über die ich schreibe, die Leser zum Nachdenken anregen.
      Ich teile gerne meine Gedanken, Ansichten mit anderen Menschen und natürlich haben auch andere Meinungen genauso Gültigkeit; ich maße mir nicht an, bei allem Recht zu haben. Wir alle machen unterschiedliche Erfahrungen und sind geprägt von unserer Vergangenheit und von allem, was wir erleben und erlebt hatten.
      Jeder von uns trägt seine ganz persönliche Wahrheit in sich selbst, für jeden kann das Wort „normal“ etwas anderes bedeuten. Jeder hat eigene Maßstäbe für richtig oder falsch, doch wir selbst spüren es wohl, wenn wir in uns hineinhören, was für uns richtig ist – niemand sonst kann es 100%ig beurteilen und für uns entscheiden, was richtig ist. Wir sollten versuchen, wir selbst zu sein und es auch zu bleiben, um authentisch zu wirken. Be yourself …

      Liebe Grüße,
      Sunelly Sims

  2. Pingback: Was ist schon richtig? | Knappe Worte

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