Lesen heißt …

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Eine Sache, die wir zu einem bestimmten Zeitpunkt sehen, ein Buch, das wir lesen, bleibt für immer nicht nur mit dem verknüpft, was um uns her vorhanden war, sondern ebenso treu bleibt es verbunden mit dem, was wir damals waren.

(Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Bde. 1-3)

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Lesen heißt durch fremde Hand träumen.

(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe)

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Wir sollten nur lesen, um zu entdecken, was wir ewig wiederlesen sollten.

(Nicolás Gómez Dávila, Scholien zu einem inbegriffenen Text)

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… Jetzt fehlen nur mehr ein Paar weiche Kissen und ein gutes Buch um an diesem lauschigen Plätzchen zu entspannen …

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10 thoughts on “Lesen heißt …

  1. Der erste Aphorismus von Proust gefällt mir gut. Der von Pessoa hat mich ein wenig an Schopenhauer erinnert: „Lesen heißt mit einem fremden Kopfe, statt des eigenen, denken.“

    • Wann wir lesen, denkt ein Anderer für uns: wir wiederholen bloß den mentalen Prozeß. Es ist damit, wie wenn beim Schreibenlernen der Schüler die vom Lehrer mit Bleistift geschriebenen Züge mit der Feder nachzieht. Demnach ist beim Lesen die Arbeit des Denkens un zum großen Theile abgenommen. Daher die fühlbare Erleichterung, wenn wir von der Beschäftigung mit unseren eigenen Gedanken zum Lesen übergehn. Eben daher kommt es auch, daß wer sehr viel und fast den ganzen Tag liest, dazwischen aber sich in gedankenlosem Zeitvertreibe erholt, die Fähigkeit, selbst zu denken, allmälig verliert, – wie Einer, der immer reitet, zuletzt das Gehn verlernt. Solches aber ist der Fall sehr vieler Gelehrten: sie haben sich dumm gelesen. Denn beständiges, in jedem freien Augenblicke sogleich wieder aufgenommenes Lesen ist noch geisteslähmender, als beständige Handarbeit; da man bei dieser doch den eigenen Gedanken nachhängen kann. Aber wie eine Springfeder durch den anhaltenden Druck eines fremden Körpers ihre Elasticität endlich einbüßt; so der Geist die seine, durch fortwährendes Aufdringen fremder Gedanken. Und wie man durch zu viele Nahrung den Magen verdirbt und dadurch dem ganzen Leibe schadet; so kann man auch durch zu viele Geistesnahrung den Geist überfüllen und ersticken. Denn selbst das Gelesene eignet man sich erst durch späteres Nachdenken darüber an, durch Rumination. Liest man hingegen immerfort, ohne späterhin weiter daran zu denken; so faßt es nicht Wurzel und geht meistens verloren: Überhaupt aber geht es mit der geistigen Nahrung nicht anders, als mit der leibichen: kaum der funfzigste Theil von dem, was man zu sich nimmt, wird assimiliert: das Übrige geht durch Evaporation, Respiration, oder sonst ab.”
      (Arthur Schopenhauer)

      ~~~~~~~~~~~~~~

      Ich kenne dieses Zitat von Schopenhauer – ich habe mir auch überlegt, ob ich nicht dieses verwenden soll. Doch bei den folgenden Sätzen aus dem obigen Text fühlte ich mich nicht zu sehr angesprochen:

      „Eben daher kommt es auch, daß wer sehr viel und fast den ganzen Tag liest, dazwischen aber sich in gedankenlosem Zeitvertreibe erholt, die Fähigkeit, selbst zu denken, allmälig verliert, – wie Einer, der immer reitet, zuletzt das Gehn verlernt. Solches aber ist der Fall sehr vieler Gelehrten: sie haben sich dumm gelesen.“

      Dies könnte allerdings stimmen:
      „Demnach ist beim Lesen die Arbeit des Denkens un zum großen Theile abgenommen. Daher die fühlbare Erleichterung, wenn wir von der Beschäftigung mit unseren eigenen Gedanken zum Lesen übergehn.“

      Doch ich finde, dass man sich eigentlich nicht „dumm lesen“ kann – Bücher würde ich nicht mit Dummheit, oder dass man vom Lesen irgendwann dumm wird, assoziieren. Bücher sollten für die Bildung des Menschen da sein – ich lese viel und bis jetzt war jedes Buch, das ich gelesen habe (vielleicht mit einigen wenigen Ausnahmen) eine Bereicherung für mich, für meine Ansichten und Lebenseinstellung. Ich verschlinge die Bücher nicht, die ich lese, ich mache mir bereits während des Lesens Gedanken über deren Prämissen und Aussagen oder ich pausiere ein Paar Tage, bevor ich ein anderes Buch zu lesen beginne.

      Danke für den Kommentar!
      Gruß,
      Sunelly Sims

      • Hallo!

        Es ist wohl einerseits stark von der Art und Weise abhängig, mit der man liest, und andererseits auch davon, was man liest. Es gibt viele gute Bücher, die die eigenen Gedanken auf ganz wunderbare Weise inspirieren und stimulieren können. Auch bei diesen allerdings wird der, der sie einfach verschlingt, nur kurz genießen können. Eine bleibende Erinnerung entsteht, wenn man sich Zeit lässt und über das Gelesene gut nachdenkt. Ich finde Schopenhauers Vergleich zum Essen sehr gut.
        Aber du hast Recht: Was Schopenhauer hier ausdrückt, gilt sicher nicht für jedermann. Da er Schriftsteller war, hat er das vielleicht ein bisschen allzu einseitig gesehen. Da ist er aber gar nicht alleine. Manche Literaten sagen gar, dass man sich entscheiden müsse, ob man Bücher lesen oder schreiben möchte. Sie sagen, das eine verdirbt den Sinn für das andere, und damit haben sie sicher nicht ganz Unrecht.

        Liebe Grüße!

      • Hallo Matthias,

        ja, es mag stimmen – wegen schreiben oder lesen? Man wird möglicherweise zu sehr beeinflusst durch das Gelesene, durch Ansichten anderer Autoren – insbesondere wenn man selbst auch schreibt. Deshalb finde ich auch, dass man zwischen dem Lesen von Büchern eine Pause einlegen sollte. Um den Stoff zu „verdauen“ (Vergleich „Essen“!) und um sich ein eigenes Bild zu machen. Ich glaube, man merkt irgendwann sowieso, wenn man zu viele Bücher auf einmal oder hintereinander „verschlungen“ hat. Ich hatte das früher auch schon mal erlebt – das Ergebnis war, dass ich mich nach kurzer Zeit nicht mehr richtig erinnern konnte, worum es in dem Buch ging. Schade um die Zeit! Seitdem habe ich mein Tempo beim Lesen etwas gedrosselt.

        „Liest man hingegen immerfort, ohne späterhin weiter daran zu denken; so fasst es nicht Wurzel und geht meistens verloren …“

        Den Vergleich mit dem Essen finde ich auch ganz gut – nur wie gesagt, das Wort „Dummlesen“ hat mich irgendwie gestört. Vermutlich der Ausdruck und nicht so sehr der Sinn dahinter.

        Liebe Grüße
        Sunelly Sims

      • Dieselbe Erfahrung habe ich auch schon gemacht.
        Ja, Schopenhauer spart nicht mit harten Worten, so etwas lässt sich in vielen seiner Texte finden.
        Ich heiße übrigens Markus.🙂

        Liebe Grüße

      • Ach ja, Markus – entschuldige bitte – ich habe kurz die Website des Arowell Verlages, wo du dein Buch veröffentlicht hattest, besucht und mir die Autoren dort angesehen. Ich hatte Matthias als deinen Vornamen in Erinnerung, sorry – habe gerade nochmal kurz nachgesehen🙂 – es stimmt!🙂

        Betreffend Schopenhauer –
        ich weiß nicht recht, ob ich mir seine Werke zumuten soll – ich lese ungern Bücher, in dessen Lehren ich mich selbst – meine Lebenseinstellung, Auffassungen nicht wiedererkenne. Dazu kommen noch seine eigentümlichen, rechthaberischen, teilweise pessimistischen Anschauungen, Kritiken und nicht zu vergessen seine Einstellung zum Thema „Frauen“ (!) …

        Ehrlich gesagt fühle ich mich von einigen seinen Buchtiteln wie:
        – Die Kunst, Recht zu behalten
        – Die Kunst zu beleidigen

        eher abgeschreckt. Recht zu behalten – muss man denn immer Recht haben, oder dieses gar erzwingen (mittels ausgeklügelte Argumentationen)?
        Ich denke, meine Toleranz würde mich daran hindern, immer auf mein Recht zu pochen. Ich habe die Überzeugung: Jeder bekommt, was er verursacht. Was man gesät hat, das wird man später ernten.- alles ist gerecht.

        Und Die Kunst zu beleidigen – das ist wieder etwas Negatives, ich kann nicht viel damit anfangen. Ich versuche, der Negativität, die uns das Leben öfters präsentiert, aus dem Weg zu gehen – so etwas zieht mich runter, jemanden zu beleidigen kann ich schon gar nicht und ich möchte meinen inneren Frieden, so gut es geht, bewahren.

        Nachdem ich auch noch diesen Satz über ihn gelesen habe:

        „Er gilt als griesgrämiger Pessimist, notorischer Weiberfeind und Weltverächter, dessen stilistisch brillante Lebensweisheiten man gerne zur Bestätigung seiner eigenen Lebensmisere liest.“

        Ich persönlich gehöre zu den Optimisten dieser Welt und glaube nicht an eine Lebensmisere. Ich glaube an der Macht der Gedanken („Was du heute denkst, das wirst du morgen sein.“ Buddha), dadurch bewußte Steuerung des eigenen Lebens, ich glaube an Freude, Glück, Träume und Visionen, die, wenn man sie verwirklicht, uns ein erfülltes Leben bescheren und den Sinn unseres Lebens offenbaren.

        So habe ich nur zwei Bücher von ihm bestellt:

        – Die Kunst, glücklich zu sein: Dargestellt in fünfzig Lebensregeln
        – Schopenhauer für Gestreßte: Ausgewählt von Ursula Michels-Wenz

        Schließlich möchte ich mir selbst ein Bild über seine Philisophie – wenn auch nicht in allen Facetten – machen.

        Ein Zitat noch:
        „Jeder steckt in seinem Bewusstsein, wie in seiner Haut, und lebt unmittelbar nur in demselben: daher ist ihm von außen nicht sehr zu helfen.“
        (Arthur Schopenhauer)

        Da hat er Recht – das sehe ich auch so …
        Hilf Dir selbst, dann hilft Dir … – du weißt schon …🙂

        Liebe Grüße,
        Sunelly Sims

  2. Das mit dem Namen ist kein Problem, das kann leicht passieren.🙂
    Ja, Schopenhauer ist wirklich ein interessantes Kapitel für sich. Ich habe sehr viel von ihm gelesen, beispielsweise die beiden von dir genannten Titel. „Die Kunst, Recht zu behalten“ ist übrigens eine Sammlung von Kunstgriffen in Diskussionen, nicht mehr und nicht weniger. Ob es tatsächlich sinnvoll ist, immer Recht behalten zu wollen, darüber schreibt er darin nicht sehr viel, und gewiss nichts, das dir nicht gefallen würde. Es mag seltsam klingen, aber er scheint mir gar kein sonderlich rechthaberischer Mensch gewesen zu sein.
    Es gibt so einiges, was mir an seiner Philosophie sehr gut gefällt. Anderes wiederum sagt mir natürlich weniger zu. In „Schopenhauer für Gestresste“ jedenfalls wirst du bemerken, dass der Mann einen Hang zu fernöstlicher Philosophie hatte, was man ja nun, wenn man ihn nur flüchtig kennt, gar nicht erwartet hätte. Überraschungen gibt es, auch wenn sich der Pessimismus wie ein roter Faden durch seine Werke zieht, in seinen Texten desöfteren.

    Liebe Grüße

    • Vielen Dank Markus, für die Infos!
      Ich bin schon gespannt, wie diese zwei Bücher, Zitate, Aphorismen auf mich wirken.
      Manchmal bin ich ein wenig entmutigt, wenn ich bedenke, wie viele interessante Bücher es zum Lesen gäbe auf der Welt! Doch leider bei weitem nicht so viel Zeit vorhanden ist, um alle lesen zu können! Dann kommt noch die Bloggerei dazu – das Schreiben, meine zweite Leidenschaft (besser gesagt mittlerweile erste).
      Na ja, vielleicht werde ich im nächsten Leben mit dem Lesen fertig!

      Liebe Grüße
      Sunelly Sims

      • Ja genau – Schritt für Schritt … dann kommt die Ungeduld (wegen Wissensdurst) ins Spiel (wie du schon mal erwähnt hattest) … ABER: man sollte versuchen gelassen zu bleiben!🙂

        Liebe Grüße

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