Zwei Boote auf dem Fluss

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Photo by dan

Zwei Boote auf dem Fluss. In einem der Boote saß der Wille, in dem anderen saß die Gelassenheit. Der Wille war sehr beschäftigt damit, um mit seinem Boot weiterzukommen. Doch sehr oft stieß er auf Hindernisse. Mal ein großer Felsen ragte aus dem Wasser heraus, den er mit Mühe umfahren musste. Mal wurde er durch dicke Äste, die vom Ufer ins Wasser fielen und dort herumtrieben, an seinem Weiterkommen gehindert. Oft hinterließen die Zweige Kratzspuren in seinem Gesicht.

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Phot by Maggie Smith

Doch er kämpfte sich durch – er kämpfte mit dem Fluss. Die Strömung wurde stärker und änderte die Richtung. Der Wille merkte es nicht, da er gewohnt war, zu kämpfen – mal weniger, mal mehr. So wunderte er sich nicht, dass er seine Kraft verdoppeln musste, um nicht zu kentern und im Fluss unterzugehen. Er dachte, der Fluss will ihn auf die Probe stellen, ihn prüfen, ob er stark genug wäre, an der Wasseroberfläche zu bleiben. Oder wollte der Fluss ihn vielleicht bestrafen? Hat er denn noch nicht bewiesen, dass er stark genug ist, seine Launen zu ertragen? Der Wille wusste es nicht genau – er kämpfte einfach weiter. Er wollte dem Fluss beweisen, dass er der Stärkere ist. Er wollte, dass ihn der Fluss an sein Ziel bringt – seine Route stand schon seit Langem fest, er hatte alles geplant, Berechnungen durchgeführt. Der Wille hatte alles im Griff, alles, was er tun musste, war, sich bis zu seinem Ziel durchzukämpfen.

Doch der Fluss war launisch. Er sah zu, wie der Wille sich abmühte und schwitzte, um sein Ziel zu erreichen. Er sah seine Stärke, und dass er dachte, er hätte alles unter Kontrolle. Der Fluss ließ ihm diese Illusion, er wusste, dass er den Kampf des Willens jede Zeit vereiteln konnte – wenn er wollte. Er sah ihm zu, er half ihm nicht, weil der Wille ohnehin dachte, dass er mächtiger als der Fluss sei. Doch immer mehr Hindernisse tauchten auf, mit denen der Wille fertig werden musste. Seine Kräfte fingen an, nachzulassen, sein Elan war langsam dahin. Er wurde immer erschöpfter und des Kämpfens müde geworden gegen den Fluss.

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Photo by Tom Curtis

Sein Ziel war noch nicht in Sicht und er war sich nicht mehr so sicher, ob er es erreichen würde. Er brauchte Hilfe – der Fluss sollte ihm helfen, ihn an sein Ziel bringen. Doch die Hilfe ließ auf sich warten – der Wille wurde krank. Er konnte nicht anders, er musste seine Kräfte sammeln, er konnte sich mit dem Boot nur mehr treiben lassen. Er hatte keine Kraft, die Kontrolle gab er auf – der Fluss soll doch machen, was er wollte – plötzlich war es ihm egal. Er kapitulierte.

Er wurde von dem Boot der Gelassenheit eingeholt – sie kämpfte und schwitzte nicht. Sie hatte keine Hindernisse – und wenn, dann nur kleinere. Der Fluss war ihr gnädig, weil die Gelassenheit auf seine Stärke vertraute. Die Gelassenheit kannte nicht die Kämpfe, die der Wille ausfocht. Die Gelassenheit hatte Verbündete – er hatte den Fluss, die Strömung und den Wind, denen er vertraute. Sie hatte auch ihre Ziele, doch die Route, die legte sie nicht fest. Die Gelassenheit dachte an ihr Ziel und wartete ab. Sie wartete auf eine günstige Strömung, sie wartete auf den richtigen Rückenwind. Sie saß in ihrem Boot und überließ die Wahl ihrer Route dem Fluss. Sie ließ ihr Boot von der Strömung und vom Wind weiter tragen.

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Photo by meepoohfoto

Die Gelassenheit dachte an den Willen, der zurückblieb und erschöpft war. Der Wille, der den Kampf aufgab, um wieder von vorne zu beginnen – auf einer anderen Route vielleicht, wo er keine Hindernisse zu begegnen glaubte. Die Gelassenheit wusste, dass der Wille stark war, so würde er sein Ziel eines Tages auch erreichen – auf welchem Weg auch immer. Schließlich hatte der Wille alles unter Kontrolle, er verließ sich nur auf sein eigenes Urteilsvermögen.

Der Wille, der nicht gelassen sein kann und kein Vertrauen zum Fluss des Lebens hat. Der Fluss, der ihn gerne auch zu anderen Orten, mit anderen Chancen tragen würde, die der Wille sich nicht mal erträumen konnte. Er hörte immer nur, was ihm die Kontrolle zuflüsterte, er wagte nicht gelassen zu sein, er wagte nicht dem Fluss zu vertrauen, der vielleicht eine bessere Route für ihn kannte. Eine bessere, angenehmere Route, auf der der Wille keine so große Hindernisse bekämpfen und nicht so stark schwitzen müsste. Ihm fehlte das Vertrauen, das der Fluss des Lebens gerne honoriert hätte.

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Photo by Tom Curtis

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Wer den Weg nicht kennt, auf dem er zum Meer gelangen kann,
der sollte sich einen Fluss als Begleiter suchen.

(Lateinische Lebensweisheiten)

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Liebe Grüße,

© Sunelly Sims

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