Nelken und Hände

Eine weiße Nelke in seinem Knopfloch – wie ausgemacht. Die Tageszeitung vor ihm, auf einem kleinen Tisch, in einem Straßencafé. Viele Menschen auf der Straße, die vorbeihasteten oder langsam spazierten. Aktentaschen, Einkaufstüten in der Hand oder zu zweit, Hand in Hand. Wie sehr wünschte er sich, auch jemanden an der Hand zu haben! Eine warme Hand, weich und geschmeidig, die er umklammern konnte, an der er sich festhalten konnte. Er hoffte und bangte. Er flehte um eine Hand, die er liebte. Eine Hand, die gut für ihn sorgte, für ihn kochte, ihn streichelte und sich in seine eigene legen würde. Eine Hand, die ihn vor der Einsamkeit bewahrte, die ihm zeigte, wie schön die Welt war. Eine Hand, die seine Lebensgeschichte ab jetzt neu schreiben würde, die ihm vor dem Schlimmsten beschützen würde.

Seine eigenen Hände hatte er für sich, doch sie brachten ihm das Glück nicht, das er sich wünschte. Seine Hände brauchten Wärme. Sie brauchten ein neues Gesicht, das weichere Züge, als die seine hatte. Sprechende, schöne Augen, sinnliche Lippen, samtweiches Haar, zum Berühren und zum Liebkosen, um sich aufzuwärmen und die Liebe zu spüren. Er brauchte diese Hände, mehr als alles andere. Er wollte sie in sein Herz schließen und sie nicht mehr loslassen. Sie sollen nur ihm gehören.

Eine Frau kam über die Straße, eine rote Nelke in ihrem Knopfloch – wie ausgemacht. Das muss sie sein, dachte er. Seine Hände begannen zu zittern, sie waren nervös und aufgeregt. Sie freuten sich auf die erste Berührung, auf die Wärme der Hände, auf die Weichheit, die sie umhüllen würde. Er stand von seinem Stuhl auf und winkte ihr zu. Sie kannten sich noch nicht persönlich, nur aus den Briefen, die sie einander schrieben. Es war Zeit, sich kennenzulernen. Sie soll ihn im Café gleich sehen und finden, er wollte keine Minute mehr verlieren und ohne ihre Hände sein.

In der Straße fuhren nicht viele Autos durch, es war eine Nebenstraße, wo man in Ruhe einen Kaffee trinken konnte. Doch als die Frau gerade die Straße überquerte, bog ein Auto mit heulendem Motor um die Ecke – ein tosendes Geräusch, ein Höllenlärm, der alle Menschen auf der Straße stehen bleiben ließ. Quietschende Reifen mit hoher Geschwindigkeit rollten auf der Straße dahin, um alles wegzufegen, was ihnen im Weg stand – ohne abzubremsen.

Eine rote Nelke tanzte in der Luft, sie schwebte und flatterte leicht, ohne Gewicht, bis sie auf den Boden fiel. Ein regloser Körper, dessen Mantel einst die Nelke schmückte. Ein Gesicht mit weichen Zügen, sinnlichen Lippen. Samtweiches Haar, das jetzt blutig an der Kopfhaut klebte. Geschlossene Augen und Hände, die auf dem Asphalt zusammenzuckten. Doch die Hände, die er endlich kennenlernen und festhalten wollte, blieben vor seinen Augen, in den schwarzen Handschuhen für immer verborgen.

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 © Sunelly Sims

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