Der geheimnisvolle Buchladen

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Photo by Nuttapong

Jeden Tag, als sie zur Arbeit ging, führte ihr Weg an dem kleinen Buchladen vorbei. Sie wohnte noch nicht allzu lange in dieser Straße, doch durch ihre Nachbarn wusste sie, dass es diesen Laden schon seit mehreren Jahrzehnten gab. Der Besitzer war fast so alt wie der Laden selbst. Er investierte nichts in sein Geschäft, der Laden war staubig und noch nie renoviert worden – hieß es. Er wurde immer von den Erben weitergeführt, doch keiner von ihnen hatte Interesse daran, den kleinen Laden einmal auf Vordermann zu bringen.

Ja, ja … Bücher gab es genügend da drinnen, alte und neue – erzählten die Leute. Auch das Schaufenster war staubig und langweilig, es fehlte an Fantasie. Die Bücher lagen unordentlich, wie hingeworfen, auf jedem von ihnen eine dünne Staubschicht. So wirkte der Buchladen nicht sehr einladend. Er sah langweilig aus, doch strahlte etwas Geheimnisvolles aus. Einen staubigen Zauber, der sie in den Bann zog, jeden Tag, als sie auf dem Weg zur Arbeit war.

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Photo by Matt Banks

Abends auf dem Heimweg blieb sie vor dem Schaufenster meistens stehen, um nachzusehen, ob die Bücher, die dort lagen, ausgetauscht wurden. Selten entdeckte sie ein, zwei Neuerscheinungen, doch der Rest blieb alt und staubig. Alte Bücher, die sie nicht kannte, von denen sie noch nie etwas hörte. Die den staubigen Zauber ausstrahlten und ihr durch die Glasscheibe zuflüsterten <Komm … komm herein, besuche uns … nur Mut>. Doch abends lag immer etwas Unheimliches in der Luft – die Straße wie ausgestorben, die anderen Geschäfte längst geschlossen. Nur der Buchladen nicht, drinnen brannte noch Licht. Durch die schmale Tür konnte sie nicht viel erspähen, sie sah nur ein halbes Bücherregal.

Während sie noch überlegte, ob sie hineingehen sollte, öffnete sich die Tür einen Spaltbreit, wie von selbst. Als wären unsichtbare Kräfte am Werk, die ihr einen Schubs gaben, um den Laden endlich zu betreten. Die Tür, dicht hinter ihrem Rücken, als wollte sie flüchten. Im Laden roch es etwas modrig und säuerlich, es waren keine Menschen zu sehen, die in Büchern geschmökert hätten. Aus einem Hinterzimmer ertönte leise Musik, weiche, sanfte Klänge, die sie schläfrig machten. Mehrere kleine Leselampen auf kleinen Tischen und Regalen. Als hätte sie eine geheimnisvolle Welt betreten, die die Bücher für sich selbst erschufen.

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Photo by Surachai

Sie ging ein wenig herum, sie wollte nichts berühren, der ganze Laden strahlte etwas Unheimliches, Ehrfürchtiges aus, als hätten sich Monster hinter den Regalen versteckt.

<Hallo – ist da jemand?>, fragte sie, doch ihre Stimme versagte, ihre Worte klangen leise.

Sie hörte ein dumpfes Geräusch hinter ihrem Rücken. Sie drehte sich rasch um und wollte zur Tür laufen. Als sie stolperte, sah sie ein staubiges Buch vor ihren Füßen liegen. Doch es war hinter ihr gar kein Regal oder Tischchen, so wusste sie nicht, wie das Buch auf den Boden fiel. Wie war das möglich, dachte sie und hob das Büchlein vorsichtig auf. „Regenbogenperlen im Herzen“ stand darauf – wer hat es denn geschrieben …? Sie sah ihren eigenen Namen unter dem Titel – sie hat das Buch geschrieben …? Aber sie hat doch noch nie … niemals im Leben ein Buch verfasst … wie konnte das nur sein … Ach nein, es gibt auch andere Menschen, die ihren Namen tragen, ganz bestimmt – genau, das ist wohl die Erklärung.

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Photo by graur razvan ionut

Das Buch fühlte sich heiß an, es brannte in ihren Händen und wollte nicht mehr losgelassen werden, als hätte es mit ihr gesprochen. Sie konnte nicht anders, als es zu öffnen und begann die ersten Seiten zu lesen. Sie las immer schneller, ein Schwindel erfasste sie, die leise Musik und der modrige Geruch strömten mit jedem Atemzug, langsam in ihren Kopf hinein und machten sie benommen. Es war wie eine Droge, das Buch, mit ihrem Namen darauf, von jemandem geschrieben, der nur sie sein konnte, denn sie las darin ihre eigene Lebensgeschichte.

Wie im Delirium hob sie ihren Blick, sie sah sich ungläubig um – so etwas gibt es doch nicht wirklich … wo bin ich …? Zuerst merkte sie die plötzliche Totenstille nicht, in dieser geheimnisvollen Welt der staubigen Bücher, wo sie hineingeraten war. Sie verstand das alles nicht, sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, als ein tosendes Geräusch immer näher kam, wie man es von einer Lawine kennt, oder von haushohen Wellen, die an den Felsen zerschellen.

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Photo by Surachai

Es waren die Bücher, die von überall herkamen, von den Tischen, aus den Regalen fielen. Erbarmungslos, mit einer Wucht und schnell, als wenn ein Haus über ihren Kopf zusammenbricht. Kleine und große staubige Bücher fielen auf sie herab und drückten sie auf den Boden, bis sie von ihnen vollständig bedeckt war – es gab kein Entrinnen, es kam keine Rettung. Dunst und Staub lagen in der Luft, die Musik ging wieder an – sie blieb unter dem Bücherberg liegen, reglos, ohne Atem, mit ihrer eigenen Lebensgeschichte in der Hand, begraben. Das war ihr Schicksal, das in dem Büchlein stand.

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Copyright © Sunelly Sims

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