Die Schmetterlinge und die Sehnsucht

Die polierten Gläser standen auf dem Tisch. Sonntagsgeschirr, teuere Stoffservietten, Silberbesteck warteten auf den Gast. Der Braten fast fertig, das Dessert im Kühlschrank.

Sie war bereit. Das Kleid, das sie anzog, war noch neu – sie sah darin hübsch aus. Ihr langes Haar hatte sie hochgesteckt, das Gesicht zart geschminkt und eine modische Halskette umgehängt. So, jetzt kann er kommen – es war ausgemacht. Er lebte in der Stadt, sie hatte ein kleines Haus auf dem Land. Sie blickte auf die Uhr – jetzt wurde es langsam Zeit. Die Stunde rückte immer näher, sie wurde immer nervöser. Hat sie wirklich an alles gedacht – was fehlte noch? Aber es fehlte nichts, alles war perfekt. Nur er … er fehlte noch, sie wusste nicht, wo er blieb. Es war doch ausgemacht, oder nicht …?

Sie mochte nicht, wenn jemand unpünktlich war, sie bekam immer Angst. Sorgenvolle Gedanken, Schreckensszenarien kreisten in ihrem Kopf jedes Mal, wenn die vereinbarte Zeit vorüber war. Sie kannte ihn noch nicht allzu lange, doch sie verschwieg ihm die Tausende Schmetterlinge in ihrem Bauch (nein, sonst war da wirklich nichts). Viele bunte Schmetterlinge, die sich danach sehnten, geliebt zu werden. Sie wollte die Einsamkeit nicht, die sie jede Nacht stumm umarmte, bis sie eingeschlafen war. Die Einsamkeit, die von ihr Besitz nahm, ganz egal, wo sie war. Sie wollte wieder fröhlich sein, lachen und das Glück in ihrem Herzen spüren. Ein Gefühl der Wärme durchströmte sie, wenn sie an ihn dachte – an sein Lächeln, an den ersten Kuss.

Doch sie wusste nicht, woran sie war, er gab sich geheimnisvoll und war nicht sehr gesprächig. Er mochte nicht, wenn sie zu viel fragte. <Alles zu seiner Zeit>, meinte er. Er erzählte von Enttäuschungen, die ihn prägten und ein gebranntes Kind aus ihm machten. Das würde sie doch bestimmt verstehen, sagte er und schwieg. Also gut, dann eben nicht, sie konnte auch geduldig sein, die Zeit spielte keine Rolle. Nur die Einsamkeit, die wollte sie aus ihrem Leben verbannen, mit oder ohne Fragen.

Doch jetzt, jetzt war die Zeit wichtig, denn er kam nicht. Der Braten fertig und kalt geworden, auf dem gedeckten Tisch. Sie wartete – Schreckensszenarien tauchten vor ihrem geistigen Auge auf. Voller Sorgen saß sie da, es kam niemand, nur die Angst. Später die Wut und die Enttäuschung – jetzt wusste sie, warum sie Unpünktlichkeit hasste.

Kein Anruf und keine Nachricht – nur die Einsamkeit umarmte sie sanft, wie jede Nacht.

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Copyright © Sunelly Sims

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