Der Zug

Er wartete bereits im Salon auf sie, als sie die Treppe herunter kam. Ihre Schritte waren etwas schwerfällig, doch sie wollte nicht, dass er etwas merkte. Ihr Lächeln schien sogar für sie selbst unecht, aufgesetzt, als sie ihr Erscheinungsbild in dem großen Wandspiegel im Vorbeigehen kurz überprüfte. Sie hatte ein Kleid an, von dem sie wusste, dass es ihm nicht besonders gut gefiel. Na also, das passte ja gerade jetzt, ging ihr durch den Kopf. Sie ahnte den Grund seines Besuches, und diese Vorahnung belastete sie. Sie wollte ihn nicht verletzen, ihm nicht wehtun und überlegte fieberhaft, welche Worte sie wählen sollte, um die Situation nicht zuspitzen zu lassen.

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Photo: by Maggie Smith

Er stand angespannt vor dem Kamin mit dem Rücken zur Treppe. Wie eine lebensgroße Statue, denn sie konnte sein Gesicht nicht sehen. Offensichtlich war er ganz tief in Gedanken versunken – er hörte nicht mal ihre Schritte. Im Salon war es still, nur der Seidenvorhang vor der geöffneten Terrassentür bewegte sich leicht, als sich eine leichte Brise darin verfing. Wiesenduft drängte sich durch die Tür in den Salon, ein Duft des Frühlings und des frisch gemähten Rasens. Eine idyllische Atmosphäre, doch die Schwere der Gedanken, die spürbar waren, verdrängten die leichten Frühlingsgefühle, die sonst gerne im Inneren des Hauses verweilt hätten.

“Guten Tag, John, wie geht es dir?”

“Ach, Madison …du … ich freue mich so, dich zu sehen. Hübsch siehst du aus … ach … dieses Kleid … nun ja, es macht nichts, du bist trotzdem wunderschön.”

“Danke, John. Und … was gibt es Neues, was führt dich hierher, von so weit weg, aus der Stadt … gibt es etwas Wichtiges?”

“Nein, nichts wirklich Wichtiges, ich wollte dich einfach nur besuchen, ich wollte dich sehen. Aber vielleicht störe ich dich …? Ich kann es an deinen Augen ablesen …”

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Photo: by photostock

Sie ging ein Paar Schritte auf ihn zu, nahm ihn an der Hand und führte ihn zur Terrassentür. Er stand hinter ihr, so, dass sie sich mit dem Rücken an ihm lehnen konnte. Er umarmte sie und küsste ihr langes, glänzendes Haar. Der Duft ihres Haares weckte eine tiefe Sehnsucht in ihm, er schloss seine Augen und wünschte sich, die Zeit würde stehen bleiben. Er spürte die Sehnsucht nach Glück, das er brauchte, um vollkommen zu sein. Wie oft hatte er gebetet, dass die tiefe, bedingungslose Liebe, die er für sie empfand, von ihr erwidert werden würde! Doch bis jetzt konnte er keine Zeichen der höheren Macht, auf die er ungeduldig wartete, erkennen. Gewiss, sie mochte ihn und vielleicht mehr als das. Aber er wollte mehr – er wünschte sich, dass sie ihn wenigstens annähernd so lieben und seine Gefühle erwidern würde.

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Photo: by Tom Curtis

Sie sprachen nichts, sie blickten in den weitläufigen Garten hinaus und beobachteten den Gärtner, der gerade ein Paar Rosen für die Bibliothek abschnitt, wo ihr Vater täglich mehrere Stunden, bei seinen Büchern verbrachte. Es war ein sehr altes Herrenhaus, in dem sie seit ihrer Geburt mit ihrem Vater lebte. Ihre Mutter war ein Paar Jahre später, nachdem sie auf die Welt kam, verstorben. Ihr Vater gab große Geldsummen aus für die beste ärztliche Behandlung, die es damals gab, doch Madisons Mutter konnte nicht gerettet werden.

Sie kam ihm so schutzlos vor, er wollte für sie da sein und ihr all seine Liebe geben, er wollte sie beschützen vor der ganzen Welt. Doch es lag nicht nur an ihm allein, auch sie sollte es wollen. Alles, was er wusste, war, dass er nicht mehr ohne sie leben konnte und wollte. Das Leben ohne sie ergab für ihn keinen Sinn. Er sah die Schönheit der Welt nicht, denn diese sah er nur in ihren Augen. Doch wenn er nicht bei ihr sein konnte, sah die Welt hässlich und abstoßend aus – das Leben wurde ihm zur Qual.

Sie sagte immer noch nichts und die Stille wurde für ihn unerträglich. Er hielt es nicht mehr aus, sanft löste er seine Hände aus der Umarmung und er drehte sie um. Sie hob ihren Kopf und blickte ihm direkt in die Augen, sie versuchte seine Gedanken zu lesen, zu erraten, was er wohl gleich sagen würde.

“Madison … ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll … ich möchte … nein, ich wünschte, du würdest ahnen … wie sehr ich dich liebe … und … diese starke  Sehnsucht … die raubt mir noch den Verstand, ich kann nicht mehr ohne dich leben…”

“Ach, John … du bist so lieb zu mir … das warst du schon immer, seit ich dich kenne … doch ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll … ich ahnte schon, dass du ernste Absichten hast … aber …”

“Madison, ich liebe dich, ich kann die Leere in meinem Leben nicht ertragen, wenn du nicht bei mir bist … bitte, sag mir, dass du … und wenn nicht … dann … ich verspreche dir, dass du mich niemals wieder sehen wirst.”

Sie sah sich im Zimmer um, als würde sie verzweifelt nach jemandem suchen, der unsichtbar war und ihr etwas Hilfreiches zuflüstern würde. Sie wusste, dass sie ihm das Herz brechen würde, wenn sie ihm sagte, dass sie seine Gefühle nicht erwidern konnte. Sie hasste sich dafür, den Menschen, den sie sonst sehr gern hatte, nicht tief genug lieben zu können, um ihn zu heiraten. Denn sie wusste, dass dies in seiner Absicht lag.

“John … du weißt, wie sehr ich dich mag … aber … ich bin mir nicht sicher, ob es ausreichen würde … ich meine …  es tut mir so leid … bitte, verzeih mir …”

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Photo: by Salvatore Vuono

Sie war sich nicht sicher, ob er ihre letzten Worte noch mitbekam, denn er drehte sich plötzlich abrupt um und rannte in den Garten hinaus. Er sprang über die Hecke und lief in Richtung Bahngleise, die unweit vom Herrenhaus verliefen. Züge fuhren hier selten durch, manchmal vergingen Tage, ohne dass sie das Rattern des Zuges wahrgenommen hätte. Er lief zu den Gleisen, als hätte jemand Bluthunde auf ihn gehetzt. Sie rief immer lauter seinen Namen, doch er drehte sich nicht mal um. Er rannte auf den Gleisen, weg von dem Haus, weg von ihr, aus ihrem Leben, als hörte er nicht, dass der Zug, auf dem Nebengleis vorbeiratterte. Sie sah den Zug von der Terrasse aus und ihr Herzschlag setzte aus. John … nein … nicht … Joooooooooohhn …

Doch der Zug fuhr vorbei und John war nicht mehr zu sehen. Als hätte ihn der Zug, der dahinraste, verschluckt, als wäre er in den Sog des Zuges geraten und woanders hinkatapultiert. Nein – John war verschwunden, als hätte er sich in Luft aufgelöst.

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Copyright © Sunelly Sims

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4 thoughts on “Der Zug

  1. Liebe Sunelly,
    so menschlich ist diese Begebenheit und so voller Schmerz.
    Wenn Ehrlichkeit zu solcher Verzweiflung führt – wie schwer ist das auszuhalten… Und wie oft gibt es Ähnliches…
    Aus dem Leben gegriffen!
    Es bedarf viel innerer Tiefe, Mut, Vertrauen ins Leben und liebevoller Klarheit, diese Wahrhaftigkeit zu leben, ohne Schuldgefühle zu bekommen .
    Dies wünsche ich mir, dir und uns allen: in Liebe ehrlich sein zu können, ohne sich für die Gefühle des anderen schuldig zu fühlen.
    Herzlich grüßt dich
    MarIna

    • Liebe Marina,
      das sehe ich auch so – wir sollten versuchen zu unseren Gefühlen zu stehen, anderen gegenüber ehrlich zu bleiben, auch wenn es vielleicht manchmal schwerfällt, die eigene Wahrheit auszudrücken, weil wir andere nicht verletzen möchten. Doch wenn wir uns verstellen und nicht sagen, was Sache ist, rauben wir anderen Menschen die Möglichkeit, gerade diese Erfahrung – die höchstwahrscheinlich für ihren Wachstum wichtig wäre – zu machen. Denn durch diese Erfahrung sollten sie möglicherweise etwas erkennen, etwas, das vielleicht einer Korrektur bedarf. Oft sind es gerade solche Erfahrungen, die wiederholt auftreten (Hartnäckige Erfahrungen), bis wir verstanden haben, worum es dabei geht.

      Wichtig ist auch, dass man versucht, sich selbst treu zu bleiben – Be Yourself! – um ohne Masken durchs Leben zu gehen. Ja, ich weiß, jeder Mensch hat daheim irgendwo mindestens eine Maske liegen, die er hin und wieder aufsetzt… Eine Tarnung als etwas, was man eigentlich nicht ist, scheint in der heutigen Zeit oft der bequemere Weg zu sein. Doch eines Tages fliegt das Meiste davon sowieso auf… – also warum nicht gleich so? Sich so zu geben, wie man es in der Tiefe seines Herzens spürt – oder es wenigstens zu versuchen. Wir alle wissen, dass es nicht immer leicht ist, aber wenn wir es gar nicht versuchen… Jeder sollte so großzügig zu sich selbst sein (ich bin es mir wert), sich selbst eine Chance zu geben um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.

      Liebe Grüße,
      Sunelly Sims

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